Drei kurze Fotoanekdoten

Auch in Maputo wird natürlich Weihnachten gefeiert. Wenn auch mit Plastikbaum.

Die letzten Tage bin ich durch die gesamte Maputoer Innenstadt gestreift, um Fotos zu machen. Von aufregenden, unaufregenden, belustigenden und stinköden Gebäuden. Dank Sonnencrème hat mich auch die Sonne bei guten 35° nicht verbrannt.

Es gibt in Maputo zwar durchaus Touristinnen und Touristen, aber die sind sind relativ unauffällig. Wahrscheinlich fahren die meisten sowieso im Auto durch die Stadt, um an die großen Strände zu fahren. Insofern fiel es immer auf (und wurde von oben bis unten angeschaut), wenn ich Fotos von Gebäuden machte und durch die Straßen spazierte.

Probleme gab es bisher bemerkenswerterweise kaum. Wer sich noch an meine Einträge vor von 2 Jahren erinnern kann, wird wissen, dass ich damals praktisch täglich von der Polizei kontrolliert wurde. Das hat sich offensichtlich sehr gelegt. Nur ein Mal wurde ich bisher angehalten und um ein Refresco (port. für „Erfrischung“, das Code-Wort für Schmiergeld) gebeten.

Drei kurze Anekdoten möchte ich trotzdem nicht unerwähnt lassen:


Nördlich der direkten Innenstadt befindet sich das Diplomaten- und Elitenviertel Sommerschield. Alles was Rang und Namen hat – sei es Weltbank, WWF oder Botschaften – sitzt dort. So auch die deutsche Botschaft, für die ich dort hingepilgert bin. Unweit davon liegt die palästinensische Botschaft, da Mosambik zur großen Mehrheit der Staaten (Karte) gehört, die das Land anerkennt. Also davon ein Foto gemacht – klar, warum nicht.

Erst passierte gar nichts. Und dann rannte auf einmal der Sicherheitsmann zu mir und schrie mich an, wieso ich nicht um Erlaubnis gefragt hätte. Er würde erst den Botschafter und dann die Polizei holen. Auch ein mehrmaliges Entschuldigen und ein Angebot das Foto zu löschen, konnten ihn nicht beschwichtigen. In der Zwischenzeit waren auch vier andere Sicherheitsmänner der benachbarten Gebäude zusammengekommen um das Schauspiel zu betrachten. Auch sie versuchten den Sicherheitsman der Botschaft zu beschwichtigen und schlugen mir dann vor ihm eine „Erfrischung“ zu zahlen. Nach kurzem Überlegen zog ich einen 50-Meticais-Schein (~1 Euro) hervor. Der Sicherheitsmann winkte ab. Dann zog ich stattdessen einen 100-Meticais-Schein (~2 Euro) hervor, was er wiederum annahm. Doch bevor er mich gehen lassen wollte, forderten er noch meinen Pass sehen zu dürfen, denn (zu den Anderen gewandt) „stellt euch vor das ist ein israelischer Spion!“. Nach dem prüfenden Blick auf meinem Pass und dem Löschen des Fotos durfte ich dann abziehen. Uff. Immerhin mit 2 Euro davongekommen – dem ersten echten Schmiergeld meines Lebens. Dafür war es ja eine erträgliche Höhe.


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Im ersten Stockwerk tagt der Verwaltungsrat – bloß kein Foto machen!

In der Altstadt (Baixa) Maputos befindet sich u.a auch das Gebäude namens „Mann George“, ein klassisches Bürogebäude des Architekten Pancho Guedes, heute Sitz irgendeines irrelevante Unternehmens. In glühender Mittagshitze fotografierte ich mehrfach das Gebäude. Der Wachmann, der sich mit einem anderen Wachmann unterhielt, schaute mir zu, sagte aber nichts. Dann kam mir die Idee ihn anzusprechen und zu fragen, ob es okay sei Fotos zu machen. Er wirkte nachdenklich und sagte „Mach doch ein Foto, wenn ein Auto davor steht. Siehst du die Fensterreihe über dem Erdgeschoss, da tagt gerade der Verwaltungsrat. Ich will nicht, dass die dich sehen. Oder geh einfach ein bisschen weiter weg.“. Gesagt getan, Foto gemacht.


Dank dieses Fotos bin ich jetzt Architekturstudent.

Ein anderes Gebäude von Pancho Guedes ist das ehemalige Bäckereigebäude der Padaria Saipal, das vor allem durch seine (angebliche) Brotform bekannt geworden ist. Heute sitzt dort der nationale Wasserinvestitionsfonds FIPAG drin. Der Wachmann sagte ich dürfe keine Fotos machen, ich müsse erst an der Rezeption nachfragen. Gesagt, getan. Nach kurzer Zeit kam der Pressesprecher des Fonds vorbei. Mehrmaliges Erklären meiner Bitte („Nur ein Foto von Außen, das reicht mir!“) waren nicht wirklich erfolgreich. Deswegen griff ich zur Notlüge und erklärte ich sei ein deutscher Architekturstudent und bot ihm meinen (seit einem Jahr nicht mehr gültigen) Personalausweis an, den er kopieren könne. Das schien überzeugend genug zu sein und ich war um ein Studienfach reicher.


Inzwischen bin ich fertig! 1500 Fotos von der Stadt gemacht. Nun geht es bald an den Strand.

Grüße,

Cornelius

PS: Für die Rechtskundigen und Wikipedianer*innen unter euch: Ja, ich weiß, in Mosambik gibt es keine Panoramafreiheit. This is another issue.

Hitze – Hitze

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Mit der TAP über die Alpen (Berlin–Lissabon)

Na! Wen wunderts? Es ist natürlich unglaublich warm in Maputo, Mosambik. Doch, wie mir alle versichern, habe ich den heißesten Tag mit 42 Grad gerade erst verpasst. Trotzdem ist es natürlich genau die Hitze, die ich auch vermisst habe. Das Bedürfnis drei Mal am Tag zu Duschen ist überwältigend.

Der erste Eindruck dieser Stadt, die ich vor knapp zwei Jahren verlassen hatte: Veränderung ist langsam, aber stetig. Trotz der sich nun abzeichnenden Wirtschaftskrise des Landes – die Inflation steigt, neuerdings ist es verboten US-Dollar im Land zu kaufen – schießen weiterhin Gebäude in die Höhe. Noch viel bemerkenswerter ist, dass zahlreiche Gebäude, auch alte, einen neuen Anstrich bekommen haben. Nicht immer die Originalfarbe – leuchtend rot oder leuchtend pink habe ich auch schon gesehen – aber immerhin. Mir entglitt schon der Scherz, dass die Regierung wohl eine Farbenfabrik verstaatlicht haben muss, dass auf einmal über all gemalert wird.

Der Drache des Drachenhauses (Casa do Dragão). Dazu gibts sogar schon einen Wikipedia-Artikel von mir.

Der Drache des Drachenhauses (Casa do Dragão). Dazu gibts sogar schon einen Wikipedia-Artikel von mir.

Abseits der Gebäude habe ich auch schon einige Freunde und Bekannte wieder getroffen – es ist schön auch von ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wiedererkannt und herzlich begrüßt zu werden. :)

Heute (Dienstag) habe ich auch bereits meinen ersten langen Stadtrundgang absolviert. Ich erinnerte mich auch, wieso ich vor zwei Jahren wenig(er) Fotos gemacht habe: Ich war (oder bin) etwas ängstlich meine Kamera rauszuholen. Inzwischen hat sich das aber gelegt und mit einem Lächeln und einem bom dia! (Guten Tag) frage ich gerne alle Sicherheitsmenschen ob ich von dem von ihnen „bewachten“ Gebäude ein Foto machen darf.

Eine Auswahl meiner Fotos lade ich auf mein Flickr-Konto hoch. Später – im Januar – sortiere ich sie auch noch entsprechend in die jeweiligen Wikipedia-Artikel ein.

Bis dahin,

Cornelius

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32 Grad in schwüler Hitze – das sind auch architektonische Lösungen gefragt. Links im Bild ein klassisches Beispiel für eine Schatten spendende und doch belüfte Veranda/Balkon.

Ein Monat Mosambik

Heute (13. Dezember) belebe ich dieses schöne Blog aus gegebenem Anlass wieder: Ich fliege nach Mosambik! Nach 1 1/2 Jahren Bachelor-Endphase und neuem Job hat sich endlich ein Zeitfenster aufgetan, in dem ich etwas mehr als zwei Wochen Urlaub machen konnte. Also: Urlaub beantragt, Flug gebucht, Visum besorgt und auf in die Sonne.

Wie es gut anhand dieses Blog zu erkennen ist, habe ich vor knapp zwei Jahren Mosambik verlassen. Damals hatte ich dort ein viermonatiges Praktikum im Landesbüro der giz (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) gemacht. Das Land – bzw. eher die Stadt Maputo – haben mich seitdem nicht mehr losgelassen. Insbesondere mit dem Hintergedanken des systematischen Bias in der Wikipedia (siehe Grafik) habe ich seitdem zig Wikipedia-Artikel über die Politik, Akteure und Akteurinnen der Zivilgesellschaft und vor allem Bauwerke und Denkmäler geschrieben. Oftmals gibt es damit erstmals deutschsprachige Informationen zu diesen Themen in diesem Internet. Das macht Spaß.

Übersicht der georeferenzierten Wikidata-Einträge (und damit vor allem Wikipedia-Artikel). Die Schieflage der Datenverteilung zwischen Norden und Süden ist mehr als bemerkenswert. (Addshore, Wikidata Map October 2015 Normal, CC0 1.0)

Gleichfalls habe ich seit meiner Wiederkehr auch weiterhin mosambikanische Medien, vor allem Blogs und Twitter, verfolgt. Das Land befindet sich ̣trotz fallender Rohstoffpreise weiterhin auf Wachstumskurs. Der chinesische Staat investiert massiv in die lokale Infrastruktur. Neue Häuser schießen weiterhin in die Höhe (auch wenn sich der Immobilienboom etwas abgeschwächt hat).

Der neue Wolkenkratzer der Nationalbank (Banco de Moçambique) wächst seit 2 Jahren in die Höhe. (Nuno Rosario, Banco de Moçambique Maputo (21914102579), CC BY 2.0)

So positiv und vor allem wichtig dieser wirtschaftliche Aufschwung für das Land und die Bevölkerung (sofern sie davon in irgendeiner Weise profitiert) sind, hat dieser Bauboom auch negative Seiten. Maputo ist eine architektonisch unglaublich reiche Stadt, nicht nur aus den Anfangsjahres als Hauptstadt der Kolonie (seit 1898), sondern vor allem aus den 1950er und 1960er Jahren. Während in Portugal Salazar diktatorisch regierte, fühlte sich insbesondere junge Architekten und auch Architektinnen (!) geistig zu eingeengt in dem Land und zogen in die aufstrebenden Kolonien Angola und Mosambik. Diese Architekten brachten zahlreiche neue, modernistische Ideen mit und gaben den Städten – vor allem Lourenço Marques (der koloniale Name Maputos) und Luanda – mit ihren entworfenen Bauten ein erfrischendes, modernes, junges Stadtbild.

Eine Wertschätzung für das Vergangene, Alte scheint mir – These! – etwas sehr mitteleuropäisches zu sein. Schon in Argentinien, aber auch in Mosambik hab ich gelernt, dass vielen ein moderner Wohnbau mit Wasser-/Stromanschluss und vor allem ohne Schimmel, Kakerlaken und Ratten wesentlich wichtiger ist, als die möglicherweise langjährige Geschichte des Gebäudes. Verständlich. Auch ist Mosambik gerade einmal 40 Jahre alt und hat gerade die koloniale Geschichte nicht aufgearbeitet, sodass auch eventuell, unter Umständen vorhandene dem Land nützliche Seiten nicht betrachtet werden.* Umso weniger gibt es daher eine Wertschätzung für koloniale Bauten. Egal ob erhaltenswert. geschichtsträchtig, modernistisch oder einfach beeindruckend.

Und gerade aus diesem Grund (und aus meinem enzyklopädistischen Hobby heraus), habe ich das starke Bedürfnis vor allem das noch Vorhandene festzuhalten. Viele Fotos zu machen und auf Wikimedia Commons zur Verfügung zu stellen. Ohne Kolonialromantik. Versprochen.

* Dies soll keine Relativierung der portugiesischen Kolonialzeit sein. Sondern nur ein Hinweis, dass es trotz brutaler Grausamkeit, Sklavenhandel und Geheimpolizei, die von der portugiesischen Kolonialmacht erschaffene Infrastruktur dem Land bis heute dienlich ist.

Rückblick

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Der Abschied von Mosambik war vor allem regnerisch, hier an der Grenze zu Südafrika

Sträflicherweise habe ich diesen Blog in den letzten Wochen etwas vernachlässigt. Das liegt vor allem daran, dass viel, viel passiert ist. Meine Zeit in Mosambik ist inzwischen vorbei. Nach zwei Tagen Deutschland, bin ich inzwischen in Porto (Portugal) gelandet. Und nachdem nun ein paar Wochen vergangen sind, kann ich auch erstmals besser reflektieren, als ich es vielleicht noch am Tag meines Abschieds dort konnte.

4½ Monate habe ich in Mosambik verbracht. Und ich kann sagen, dass es mich ohne Zweifel bereichert hat. Aber, und soll nicht nur wie eine abschliffene Redewendung klingen, bin ich mit Lächeln und Tränen, Freude und Wehmut, gleichzeitig gegangen.

Denn: selten habe ich eine derartige hochemotionale Phase im Ausland gehabt. Das klingt pathetisch und manche mögen das inzwischen von mir gehört haben, aber das Leben in Maputo glich oft einer Achterbahn. Hoch, runter, hoch, und immer mit hundert Prozent. Damals, in Argentinien war es ähnlich, aber nicht derart heftig. In Maputo war es oft so, dass mehr als eine Überraschung oder Herausforderung anstand und ich mich gefragt habe: „Was soll denn das nun schon wieder?“. Das war einerseits natürlich aufregend, andererseits auch sehr anstrengend und belastend.

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Nein, mein Pass ist nicht durch ganz Afrika gereist. Er war nur jeden Tag (gezwungenermaßen) in meiner Hosentasche.

Gleichzeitig bin ich natürlich auch etwas froh gegangen zu sein, ohne das die politische Krise, von der ich ja mehrmals schrieb, eskalierte. Die Lage hat sich seitdem nur unwesentlich gebessert, es sterben auch weiterhin Menschen, ohne dass es die internationalen Medien berichten. Und ich bin froh nicht mehr täglich meinen Pass mit mir rumtragen zu müssen, aus Angst vor den ständigen Polizeikontrollen. Der Pass (siehe rechts) sieht dank des täglichen Rumtragens aus als ob ich damit durch ganz Afrika gereist wäre. Und dank der dämlichen mosambikanischen Visa-Regelung habe ich nun 38 Stempel mehr.

Und Wehmut? Mein Praktikum bei der GIZ war mit Sicherheit nicht ausfüllend, noch erfüllend, aber ich habe durchaus meine Kolleg*innen zu schätzen gelernt. Ich habe gelernt wie große, behördenähnliche Bundesunternehmen arbeiten. Und ich habe durchaus auch einige Freundinnen und Freude gefunden und ich denke gerne an die Zeit zurück. An die Stammkneipen, die Strände, die Mangkoverkäuferin, an das Bier. Das vermisse ich.

Und ich will nicht verhehlen, dass ich auch viel gelernt habe. Ein paar meiner Gedanken habe ich hier im Blog veröffentlicht. Wie funktioniert eine afrikanische Großstadt. Was beudeuten Identitäten in Afrika. Wie funktionieren Beziehungen zum ehemaligen „Mutterland“. Wie entstehen Zivilgesellschaften. Wie leben Lesben und Schwule in Mosambik.

Menschen in Maputo sagen, wenn jemand länger als drei Monate in Mosambik war, kommt er/sie immer wieder zurück. Das stimmt wahrscheinlich auch. Wann ich zurückkomme, weiß ich noch nicht. Erstmal bin ich jetzt in Porto für ein klassisches Erasmus-Semester. Und hier tun sich ganz neue Perspektiven Portugal/Mosambik, aber auch Portugal/Deutschland auf.

Bis bald!

Was ist eigentlich Moçambicanidade?

Orgulhosamente

Orgulhosamente  moçambicana (Stolz mosambikanisch) – was auch immer das sein mag.

Wer durch die Straßen von Maputo läuft, wird vielerorts von Werbung erschlagen. Dort wirbt ein Getränkehersteller, dort eine Bank. Doch am auffälligsten sind die Werbebotschaften der zwei großen Mobilfunkanbieter mcel und Vodacom. Im letzten Jahr startete der staatliche Anbieter mcel eine große Werbekampagne unter dem Titel „Orgulhosamente moçambicano“ (Stolz mosambikanisch [zu sein]). Für mcel geht es hier natürlich vor allem darum sich von Vodacom abzusetzen, das ein Tochterunternehmen von Vodacom South Africa ist.

Doch mir stellte sich bei dieser Werbung vor allem die Frage: Was ist denn überhaupt mosambikanisch?

In den letzten Wochen habe ich viele, viele Menschen dazu befragt und darüber diskutiert. Ausländische Menschen, mosambikanische, weiß, schwarz, alles war dabei. Gerade die Mosambikaner*innen können häufig gar nicht sagen, was es heißt „Mosambikanisch“ zu sein. Am ehesten kam noch „Mosambikanisch sind die Menschen, die innerhalb der Grenzen dieses Land wohnen“, was ja auch irgendwie stimmt.

BCI

Eu sou daqui – e o meu banco também (Ich bin von hier und meine Bank auch)

Nun muss man wissen, dass dieses Land ja nun „erst“ seit 39 Jahren existiert. Die Grenzen des Landes (bzw. der vorherigen Kolonie) wurden 1884/85 auf der Berliner Kongo-Konferenz relativ willkürlich und unabhängig von den dort lebenden Bevölkerungsgruppen gezogen. In Mosambik leben sehr viele verschiedene Gruppen, mit vielen verschiedenen Sprachen, die teils auch grenzüberschreitend in den Nachbarländern gesprochen werden (Xitsonga, hier Xangana genannt, oder auch Kisuaheli). Und so habe ich viele Menschen hier in Maputo gefragt, was sie beispielsweise mit Menschen in Pemba oder in Tete zu tun haben, was sie einander verbindet.

Nach vielen Diskussionen bin ich zum Schluss gekommen, dass zweifelsohne eine „mosambikanische Identität“ existiert, die auf Portugiesisch übrigens den griffigen Namen „Moçambicanidade“ (etwa mit Mosambikanität zu übersetzen) trägt. Doch die Identität wirkt (und ist vielleicht auch) sehr künstlich, sie wird meines Erachtens vor allem durch negative Abgrenzung („Wir sind nicht wie die“) und Marken (mcel, die beschriebenen Biermarken) geprägt.

Und was eint denn nun Menschen vom Norden und Süden hier? Eine (relativ gesehen ) kurze Geschichte, mit überstilisierten Helden wie der Häuptling (hier immer Imperador [Kaiser] Ngungunyane von Gaza, Samora Machel, Josina Machel, Eduardo Mondlane. Eine gemeinsame Sprache, die nicht mal die ihrige ist, und die gerade gut 40 Prozent der Mosambikaner*innen sprechen. Die von mir beschriebenen Capulanas, die aber auch teilweise in den Nachbarländern zu finden sind. Ein ehemaliger gemeinsamer Feind, die Portugiesen. Der gemeinsame Spaß an Musik, den ich aber mindestens in ganz Ostafrika, wenn nicht gar ganz Afrika sehen würde. Und die Erfolge im Sport, vor allem im Basketball und im Hockey. Und das war’s dann auch schon.

Der FRELIMO-Regierung, stets darauf bedacht (behauptet sie zumindest) das ganze Volk zu vertreten, ist seit der Unabhängigkeit sehr an der Schaffung einer mosambikanischen Identität gelegen. Schon Samora Machel wetterte in seinen ersten Reden – übrigens immer auf Portugiesisch! – gegen den Tribalismus. Das macht die Regierung bis heute, Präsident Guebuza sprach anlässlich der Fußball-Afrika-Nationenmeisterschaft gerade erst davon, wie wichtig die „Mambas“ (die mosambikanische Herren-Fußball-Mannschaft) als Symbol für die Mosambikanität wären. Was angesichts des desaströsen Niveaus des mosambikanischen Fußball skurril, absurd bis lachhaft ist. Dennoch ist das Ansinnen verständlich: gerade angesichts des schwelenden Konfliktes (die Medien sprechen hier schon von Bürgerkrieg) besteht die Angst vor einer Separation des rohstoffreichen Nordens vom südlichen Wirtschafts- und Machtzentrum.

Übrigens: eine Definition über die Hautfarbe war bis vor ein paar Jahren noch relativ unüblich. Erst seit ein paar Jahren gibt es teils offene, teils subtile Diskriminierung andersfarbiger Menschen, seitdem Mosambik zu einem Einwanderungsland für Menschen aus Portugal geworden ist. Gerade die weißen Mosambikaner*innen werden hier jetzt viel eher Portugies*innen gehalten. Zudem gibt es ja noch eine große indisch-pakistanischen Bevölkerungsgruppe hier. Hier stehen sehr viele Indentitätskonflikte im Raum, die mitnichten einfach zu lösen sind.

Das heißt, auch wenn ich dem  Konzept einer nationalen Identität sehr kritisch gegenüber stehe, bin ich der Meinung, dass diese in Mosambik sogar von Nöten ist. Denn eine Zersplitterung in kleine Volksgruppen hilft niemanden und vor allem mit einer nationalen Identität lässt sich auch einfacher eine starke Zivilgesellschaft aufbauen, die als Gegengewicht zu dieser überpräsenten Regierung hier wichtig ist (ja, ich weiß, provokante These).

24. Dezember

Ein Toast

Ein Toast!

 

Freitag, 31. Januar! Letzter Arbeitstag! 4 Monate Praktikum bei der GIZ vorbei! Darauf einen Toast mit meinen Kolleginnen!

(und damit ist dieser „Adventskalender“ auch mal vorbei. Uff, 24 Tage hintereinander bloggen schaffe ich offensichtlich nicht. Ich hoffe trotzdem ein wenig Einblick in mein Leben hier gegeben haben zu können und bitte für die größeren zeitlichen Abstände um Verzeihung.)

23. Dezember

Mein werter Verwandter aus den USA bat mich doch mal auf die Musik in Mosambik einzugehen, dem ich hiermit gerne folgen möchte.

Nun bin ich sicherlich antropologisch nicht super begabt, kann aber trotzdem sagen, dass Musik in Mosambik eine sehr große Rolle spielt. Überall findet sich immer jemand, der eine Gitarre, eine Trommel oder so in der Hand und zusammen mit Freunden spielt. Gerade auch dahingehend, dass Musik keinen Strom braucht, für alle verfügbar ist, und gemeinsame Musik verbindet – das spielt in Mosambik alles eine große Rolle.

Die musikalische Vielfalt ist dabei hier sehr groß. Gleichzeitig darf ja nicht vergessen werden, dass durch, dass Mosambik portugiesischsprachig ist, viele Einflüsse aus Brasilien, Angola und Portugal kommen. Gerade die jungen Menschen kennen zig brasilianische Lieder in- und auswendig und singen diese auch sehr gerne. Ich hatte in einem meiner früheren Beiträge bereits Ana Júlia erwähnt, aber auch der Reggae-Song Beijaflor der Band Natiruts (Video-Link) ist hier sehr bekannt und beliebt.

Aus Angola ist beispielsweise der Sommerhit 2013/14 nach Mosambik gekommen: „Atchu Tchutcha“ von Yuri da Cunha. Megasimpel, starker Refrain und sehr tanzbar. Dementsprechend läuft der Song gerade hier hoch und runter. Immer. Und überall. In jedem Chapa. Eine Sexismus-Debatte will ich bei dem Video erst gar nicht anfangen. Und auch nicht, wieso in dem Video vor allem Mestiços (Mulatten) zu sehen.

Aber natürlich gibt es auch viel hier produzierte Musik. Mir fällt es besonders schwer diese einzuordnen, hier gibt es die Kategorie „Afro-Fusion“, die gefühlt alles umfasst, was es so geben kann. Es gibt einige Orte in Maputo in denen regelmäßig viel „nationale Musik“ (música nacional) gespielt wird, was durchaus als identitätsprägend anzusehen ist. Dabei ist der Gesang nicht mal zwingend Portugiesisch, eher im Gegenteil, viele singen ihren jeweiligen lokalen Sprachen. In Maputo ist das vor allem Xangana. Eine der Bands, die ich gerne höre und auch schon mehrere Mal gesehen habe, heißt Moticoma. Ihre Musik kann hier angehört werdem.

Und trotz alledem gibt es natürlich auch Songs, die global bekannt sind, natürlich auch in Maputo. Positiv wie negativ.

 

22. Dezember

Einen wichtigen Punkt der kulturellen Viefalt Mosambiks habe ich bisher kaum angeschnitten: die sogenannten Capulanas.

Capulana

Capulanas gibt es zig Farben und Mustern (Bild von rabanito, cc-by 2.0, via flickr)

Als Capulanas werden weite, meist 2 x 1 Meter große Stofftücher bezeichnet, die hier omnipräsent sind. Ein Großteil der Frauen bindet sich die Tücher hier um den Bauch, viele Mütter tragen in den Tüchern ihre Kleinkinder auf den Rücken. Viele lassen sich aus den Stoffen auch Blusen, Kleider und so schneidern. Und auch Männern tragen Capulana-Hemden.

Capulana 2

Capulana werden auch als politisches Statement verwendet: hier eine Frau mit einer Capulana, auf der Samora Machel (erster Präsident Mosambiks) mit seiner Frau Josina Machel zu sehen ist. (Bild von Amanda Rossi, cc-by-nc-sa 2.0, via flickr)

Das besondere daran ist die unglaubliche Vielfalt an Farben, Formen und Mustern, die die Capulanas haben. Es gibt Muster, die mich an die sechziger Jahre erinnern, ein paar psychedelische sind immer dabei, manchmal Elefanten oder ganz simple Muster wie Regenschirmchen. Oder auch, und das finde ich dann sehr amüsant, zur politischen Demonstration: bei der letzten Kommunalwahl verteilte die regierende FRELIMO-Partei in Maputo zig Capulanas mit ihrem Bürgermeisterkandidaten David Simango. Das ist natürlich als klares Statement zu sehen, als dass sich die Partei als die Vertreterin des mosambikanischen Volkes sieht und kulturelle Wert wahr- und ernst nimmt.

Die Stoffe werden hier überall, wirklich überall, angeboten. Meist von Straßenhändler*innen, aber es gibt auch zahlreiche Läden, meist in der Hand von indischstämmigen Mosambikaner*innen, die eine breite Vielfalt verkaufen.

Ich habe mir natürlich auch ein paar ergattert, vor allem um diese als Strandtücher zu nutzen. Capulana-Hemden werde ich nicht tragen, da sind die Klischees in Deutschland doch etwas zu heftig ;)

 

21. Dezember

Im März dieses Jahres werde ich übrigens zehn Jahre in der Wikipedia sein – unglaublich, wie lange mich dieses Projekt schon begleitet hat.

In Maputo komme ich leider nicht dazu, besonders viel zu machen. Das liegt aber auch daran, dass schon ziemlich schwierig ist, überhaupt Quellen für die Artikel zu finden. Die Nationalbibliothek beispielsweise hat ihre Literatur nach Themen („Geschichte“, „Romane“, „Literatur“..) sortiert, die in einer nach Titel (!) sortierten Liste aufgeführt sind. Um ein Buch zu bekommen, muss ein Formular mit Titel und Signatur ausgefüllt werden und eine halbe Stunde später ist das Buch da – und vielleicht das falsche. Jedenfalls sehr mühsam.

Kurzum, trotzdem habe ich ein kleines Artikel geschrieben, natürlich!, über den Bahnhof von Maputo. US-amerikanische, rankingverliebte Magazin bezeichnen ihn als den schönsten von Afrika, was wohl aber auch daran liegt, dass es die Eisenbahnnetze in Afrika entweder nicht existieren oder heruntergekommen sind.

Mein neuer (und erster) Wikipedia-Artikel über ein mosambikanisches Thema handelt von diesem wunderschönen Bahnhof. (Justin K G Dumpleton, public domain)

Übrigens: in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es nicht besonders viel über Mosambik, oder gar Maputo. Das ist vielleicht auch nicht überraschend. Überraschender ist eher, dass es auch in der portugiesischsprachigen Wikipedia nicht viele Artikel gibt. Das liegt daran, dass dort vor allem brasilianische und portugiesischen Autorinnen und Autoren editieren. In Mosambik gibt es laut IP-Statistik gerade mal einen Wikipedia-Autor.

20. Dezember

Ich gebe ja zu, ich hab die letzten fünf Türchen nicht mehr zu / vor Weihnachten geschafft. Ich versuche diese jetzt noch nach zu holen. Da sie ja per se eigentlich auch nichts weihnachtliches ab, sollte das kein Problem darstellen.

Heute nur eine kleine Kuriosität:

Ich habe ja schon des Öfteren geschrieben, dass über Mosambik im Allgemeinen in deutschen Medien sehr selten berichtet wird. Letzter Höhepunkt war der Flugzeugabsturz (derzeitiger Stand ist übrigens, dass der Pilot das Flugzeug hat willentlich abstürzen lassen).

Drei Leser des neuen deutschlands (von Hannes, cc-by-sa 2.0, via Wikimedia Commons)

Aus diesen Medien(berichten) stich nur eine Zeitung hervor: das neue deutschland. Wieso auch immer, berichtet diese Zeitung in relativ regelmäßigen Abständen über das Land, wenn auch teilweise sachlich unrichtig (ich kommentierte)  oder mit starkem politischem Einschlag. Hier eine kleine Aufzählung der Artikel der letzten Wochen. Schon sehr bemerkenswert:

* 07.01.2013: Frauen sichern die Ernährung in Mosambik
* 20.12.2013: »Ein Bündel Holz kann man nicht so leicht brechen«
*10.12.2013: Vertreibung in Mosambik in großem Stil
* 07.12.2013: »In den nächsten Jahren haben wir zwei Kämpfe – um Land und um Saatgut!«
* 27.11.2013:
Neue Herausforderin für die Frelimo
* 04.11.2013: Mosambik droht ein neuer Konflikt

Liegt natürlich vor allem daran, dass ein Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Johannesburg die Artikel schreibt. Oder vielleicht doch am mosambikanischen Ex-Sozialismus? Zum Glück gibt es das Internet, sodass ich, wenn wieder ich zurück bin, nicht auf das Blättle angewiesen bin.